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Über das Ankommen

Über das Ankommen

Seit Wochen schippert sie über ein stürmisches Meer. Ach was – seit Monaten. Ein Meer so rau und tief, dass es sie mit jeder Strömung zu verschlucken scheint. Panisch dreht sie das Steuerrad nach links. Dann wieder nach rechts. Nur, um den Kurs darauf wieder um 180 Grad zu ändern. Ohne Plan sucht sie nach einem Stückchen Land. Einem Leuchtturm in der Dunkelheit. Ein klein wenig Sand, in dem ihr Anker greifen kann. Doch ihre Sicht wird getrübt durch die vielen Wellen. Ihr Kompass dreht wirr. Und ihre Hoffnung auf Ankunft sinkt immer tiefer. Versinkt im tiefen Schwarz unter ihr. Sie ist gefangen im Strudel des Lebens. Gefangen auf der Suche nach einem Ziel – einem Ziel, das es nicht gibt. Dabei will sie doch nur eines: endlich ankommen. Endlich in einen sicheren Hafen einlaufen. Doch was, wenn es den nicht gibt für sie? Und was, wenn es ihn gar nicht braucht?


Ist es nicht verrückt, dass wir immer versuchen wollen, endlich anzukommen? Endlich den einen Punkt erreichen wollen, an dem wir vermeintlich glücklich sind? Den EINEN Ort, den EINEN Menschen, den EINEN Job suchen, ab dem dann alles besser wird? Der EINEN Vision hinterher jagen, die unser Leben bestimmen soll?

Viel zu lange habe ich versucht, das Land im Meer des Lebens zu erreichen. Ich habe zwanghaft nach meinem Ziel gesucht – und zwar dem einen, dem vermeintlich richtigen. Ich habe mich mit Visionen und Träumen beschäftigt. Mit Stärken und Schwächen. Habe in Therapie-Sitzungen Lösungen gesucht und mich bei anderen ausgeweint. Ich habe gesucht und gesucht, nur um immer wieder an der selben Stelle anzukommen: mitten in meinem Meer des Lebens. Einem Meer aus tausend Möglichkeiten und doch ohne Ausweg. Ohnmächtig, den Kurs zu ändern oder Festland zu erreichen.

Zumindest war das das Bild, das ich innerlich zeichnete.

Doch was, wenn dieses Bild die ganze Zeit mein Fehler war? Dieses Bild der perfekten Route? Das Bild einer Schatzkarte, an dessen Ende das EINE Ziel auf mich wartet? Was, wenn es das gar nicht gibt – und auch nicht nötig ist? Und woher kommt eigentlich dieser Drang, immer anzukommen? Liegt es an den Erwartungen der Gesellschaft, die uns einredet, dass Erfolg und Glück nur in Form von greifbaren Zielen erreicht werden können? Oder an unserem eigenen Perfektionismus?

Plötzlich ändert sich das Bild in meinem Kopf. Statt wie eine Verrückte nach einem Hafen zu suchen, packe ich das Steuerrad.

Vielleicht geht es nicht darum, irgendwo da draußen anzukommen. Vielleicht geht es darum, erstmal hier bei mir Stabilität zu finden. Nicht im Außen die Schuld für meine Verirrung zu suchen, sondern in mir. Denn nur wer sein Schiff unter Kontrolle hat, wird sicher durch Stürme gleiten. Nur wer sich kennt und sich selbst vertraut, wird den Winden und Wellen des Lebens standhalten können.

Und vielleicht braucht es gar kein klares Ziel. Kein „wenn… dann…“ – sondern vielmehr ein „jetzt und hier“. Vielleicht reichen kleine Zwischenstopps, an denen man sich erholen kann, um dann wieder in See zu stechen. Denn das Leben ist ein unendliches Meer – warum also überhaupt „ankommen“? Wäre danach die Fahrt nicht vorbei? Geht das überhaupt?

Wollen wir das überhaupt?

Am Ende sind wir nicht nur die Captains, sondern auch die Entdecker unserer eigenen Ozeane. Vielleicht gibt es keinen festen Hafen, der uns erwartet – aber die Freiheit, jeden Tag neue Küsten zu erkunden. Und diese Freiheit ist doch eigentlich etwas Wunderbares, ein Geschenk.

Wir müssen uns nur trauen, das Steuerrad in die Hand zu nehmen und für Sicherheit auf unserem Boot zu sorgen. Dann wird der Weg nur halb so holprig. Ja, womöglich wird der Weg sogar richtig schön.

Egal, wo im Meer des Leben du gerade bist: Vielleicht kannst du die Suche nach dem „Ankommen“ nachvollziehen. Vielleicht kann dich mein kleiner Aha-Moment dazu motivieren, über deinen eigenen Kurs nachzudenken. Und vielleicht können wir gemeinsam weniger verkrampft versuchen, endlich anzukommen, und stattdessen den Fahrtwind genießen.

Passende Reflexionsfragen für dich:

  • Wonach suche ich im Moment in meinem Leben – und warum glaube ich, dass genau das mich glücklich machen wird?
  • Wann habe ich das letzte Mal bewusst den Moment genossen, ohne an das nächste Ziel zu denken?
  • Welche äußeren Erwartungen oder gesellschaftlichen Normen beeinflussen meine Vorstellung davon, „anzukommen“?
  • Was bedeutet „Stabilität“ für mich – und wie kann ich diese in mir selbst finden, anstatt sie im Außen zu suchen?
  • Wie würde mein Leben aussehen, wenn ich die Idee eines festen Ziels loslassen und stattdessen die Reise selbst schätzen würde?

❥ Janina

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