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❥ Was niemand weiß oder warum ich es satt habe verurteilt zu werden

Ein älterer Mann sitzt im Bus. Seine Klamotten sind zerknittert, seine Augen traurig. Ich setze mich ihm gegenüber. Ich sehe, wie er seine Lippen öffnet, um mir etwas zu sagen, also nehme ich meine Kopfhörer ab. Er deutet auf den Gips an meinem Bein und fragt was passiert sei. Er hat fast keine Zähne, es fällt mir schwer ihn zu verstehen. Ich erzähle ihm, was passiert ist.

Dann erzählt er mir seine Geschichte. Wie hart er arbeiten musste um in dieser Stadt zu überleben. Dass es seinem Chef egal war, als er eine schwere Verletzung hatte und er trotzdem arbeiten musste. Dass er trotz Schmerzen hart gearbeitet hat. Auch wenn es schwer war jedes seiner Worte zu verstehen, konnte ich die Ehrlichkeit seiner Sätze spüren. Und den Schmerz dahinter. Jedes Mal wenn ich ihm antwortete oder einfach nur verständnisvoll nickte, blitzten seine Augen kurz auf. Als würde ihm zum ersten Mal jemand wirklich zuhören.

Kurz nach dem er ausstieg schaute mich eine Frau abwertend an und sagte: „Wie können Sie mit so jemanden nur reden?!“ Ihr Ton war eiskalt, ihr Gesicht angewidert. Ich traute meinen Ohren nicht. Ich war so perplex, dass ich sie einfach nur entgeistert anstarrte. „Es ist ja wohl meine Entscheidung mit wem ich rede“, brachte ich schließlich heraus. Sie schüttelte den Kopf und wandte sich von mir ab.

In mir brodelte es nur so vor Wut. Als ich ausgestiegen war fielen mir tausend Dinge ein, die ich der Dame gerne an den Kopf geworfen hätte. Was sie sich denn einbilde, so über diesen Mann zu reden. Dass er genauso ein Mensch sei wie wir. Und noch dazu weitaus sympathischer als diese voreingenommene Frau.

Irgendwann wandelte sich meine Wut in Enttäuschung um. Ich war enttäuscht, wie sehr Menschen immer noch auf Äußerlichkeiten achten. Ich dachte wirklich das hätte sich gebessert. Diese Busfahrt blieb mir deshalb lange im Gedächtnis. Seitdem fällt mir  auch immer öfter auf wie voreingenommen viele Menschen sind.

Und das bezieht sich nicht immer nur auf Fremde. Selbst Leute aus dem eigenen Umfeld scheinen ständig ein Auge auf einen zu haben und jeden meiner Schritte zu verfolgen. Plötzlich wird mir klar, dass wir alle ein bisschen so sind, wie der Mann im Bus. Niemand kennt den Hintergrund unserer Taten. Niemand weiß, wie es in uns aussieht. Aber trotzdem finden sie einen Grund uns zu verurteilen.

Natürlich habe ich auch manchmal Vorurteile. Es gibt Menschen, die finde ich unsympathisch oder deren Meinung ich nicht vertrete. Manchmal gehe ich durch die Stadt und lästere in meinem Kopf was das Zeug hält (meistens über Outfits, die in meinen Augen furchtbar sind). Das ist auch ganz normal. Es ist okay sich eine Meinung über andere zu bilden. Man muss nicht jeden Menschen auf Anhieb mögen und darf sich auch mal über drängelnde Personen in der Warteschlange aufregen.

Der Spaß hört für mich aber auf sobald es um wirklich persönliche Dinge, wie das Aussehen, die Herkunft oder die Religion geht. Dinge, die eine Person ausmachen oder die eine Person fühlt. Niemand weiß, was eine andere Person bereits durchgemacht hat. Welche Schicksalsschläge sie begleiten oder welche Narben sie mit sich trägt.

Was niemand weiß ist was sich hinter der Fassade verbirgt.

Ich verstehe es, wenn nicht jeder mit dem Mann aus dem Bus geredet hätte. Manche sprechen einfach nicht gern mit Fremden. Und ja, natürlich sind mir auch zuerst die äußerlichen Dinge aufgefallen. Und dennoch habe ich mich darauf eingelassen. Weil ich tiefer in die Menschen blicke. Zumindest versuche ich das. Ich möchte nicht vorschnell urteilen und Menschen in eine Schublade stecken. Ich möchte sie verstehen und hinter die Fassade blicken. Und sollte sich herausstellen, dass man andere Ansichten hat oder sich einfach unsympathisch ist, ist das auch in Ordnung.

Aber ich habe es satt zu verurteilen und ich habe es satt verurteilt zu werden. Ich habe es satt mir anhören zu müssen, was ich falsch mache. Ich habe es satt es allen recht machen zu wollen. Ich habe es satt, in eine Schublade gesteckt zu werden.

Jeder kann sein Leben führen, wie er es möchte. Jeder hat die Chance sich zu entwickeln, Fehler zu machen und Ziele zu erreichen. Aber jeder darf das auf seinen eigenen Weg machen.

Niemand wird dabei ohne Kratzer auskommen. Niemand wird es schaffen im Leben alles richtig zu machen. Und genau aus diesem Grund sollten wir aufhören ständig andere zu bewerten. Denn jeder macht Fehler. Jeder fällt mal hin. Und jeder muss auch wieder lernen aufzustehen.

Du bist nicht besser nur weil du noch alle Zähne hast oder dir teure Designerklamotten leisten kannst. Besser bist du erst,  wenn du aufgeschlossen durchs Leben gehst und dich auch mal traust hinter die Fassade zu gucken.

❥ Janina

Beitragsbild: Unsplash (Pixabay)

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3 thoughts on “❥ Was niemand weiß oder warum ich es satt habe verurteilt zu werden Hinterlasse einen Kommentar

  1. Toll geschrieben. Das ist solch ein trauriges Thema und ich fühle komplett mit dir. Wann hören wir endlich auf uns gegenseitig abzuwerten, um uns selbst besser zu fühlen? Wobei ich in Frage stelle, ob man sich besser fühlt, wenn man seine Gedanken mit solch einer Negativität flutet.
    Liebe grüße
    Intrinsistin

    Gefällt 1 Person

  2. Ich mag deine Art zu schreiben. Danke, dass du mit deinem Beitrag daran erinnerst, dass wir alle Menschen sind und auch als diese behandelt werden wollen. Auch wenn sich die Art wie wir leben und was wir leben unterscheiden mag gibt es doch eine Sache die verbindet, wir sind Menschen. Wer vermag es denn zu beurteilen wer besser und wer schlechter ist.

    Gefällt 1 Person

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