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Toxic Positivity: Warum du die rosarote Brille manchmal abnehmen musst

Ich sehe das Leben gerne durch eine rosarote Brille. Alles scheint dadurch irgendwie leichter und hübscher zu sein. Selbst wenn es donnert und blitzt, wirkt alles ein bisschen wie in Watte gehüllt. Dadurch erscheint das Unwetter schon gar nicht mehr so schlimm.

Positives Denken ist ein regelrechter Trend. Unzählige Blogs, Influencer und Coaches versuchen die positiven Seiten des Lebens zu zelebrieren. Instagram, Pinterest und Co. sind voll mit motivierenden Sprüchen à la „Good Vibes Only“ und „Happy Mind, Happy Life“.

Und daran ist in erster Linie auch nichts falsch. Ich selbst bin großer Fan von Affirmationen und inspirierenden Worten. Zum Problem wird diese Positivität dann, wenn sie versucht, alle anderen Emotionen und Gefühle zu überdecken. Denn dann wird aus dem Versuch, ein „Happy Life“ zu leben, Toxic Positivity.

Was ist Toxic Positivity?

Von Toxic Positivity spricht man, wenn durch einen übermäßigen Drang zum Optimismus die Vielfalt unserer Gefühle heruntergespielt wird. Statt alle unsere Gefühlslagen anzunehmen, richtet man sich nur noch auf das Positive. Negative Empfindungen werden so gut es geht vermieden und unterdrückt – ganz nach dem Motto „Alles ist gut“.

Was auf den ersten Blick nach einer schönen Lebensweise klingt, kann sich schnell in Gift verwandeln. Denn: Unsere Gefühle sind wichtige Zeichen und Warnsignale unseres Körpers. Sie alle haben ihre Berechtigung. 

Werden negative Gefühle durch eine toxische Positivität unterdrückt, mag dies für den Moment ein angenehmer Ausweg sein. Statt Trauer, Wut und Angst zuzulassen, schlucken wir die Gefühle herunter. Easy, denn so muss man sich mit nichts auseinandersetzen. Lächeln auf und weiter geht’s.

Das Problem: Die Emotionen lösen sich dadurch nicht einfach auf (schön wär’s!). Sie werden lediglich überdeckt, verdrängt und ins Unbewusste verschoben.

Toxic Positivity betrifft aber nicht nur die eigene Lebenssicht, sondern kann uns auch durch andere Personen widerfahren. Wie oft hört man Sätze wie „Hab dich nicht so, es ist doch gar nicht so schlimm“, „Das wird schon wieder“ oder „Sei nicht immer so negativ“. Diese gut gemeinten Ratschläge haben oft den gegenteiligen Effekt: Wir fühlen uns nicht verstanden oder schämen uns gar für unsere Bedenken. Die Folge: Wir verschließen uns – sowohl gegenüber anderen als auch uns selbst.

Oftmals führt Toxic Positivity zu einem unbewussten Kreislauf. Wir versuchen uns immer positiver zu fühlen (oder zumindest so zu erscheinen) und verdrängen dadurch alle anderen Gefühle. Wir reden uns immer weiter ein, unsere Gefühle wären nicht wichtig. Diese gekünstelte Positivität schadet auf Dauer unserer mentalen Gesundheit – ganz gleich, ob wir sie uns selbst aufzwingen oder von anderen eingeflößt bekommen.

Wie kann ich Toxic Positivity vermeiden?

Toxic Positivity erkennt man leicht im Umgang mit anderen. Stell dir folgende Situation vor: Ein Freund kommt zu dir und sucht nach Rat. Seine Lebenssituation ist gerade verzwickt, er steht vor einer schwierigen Entscheidung. Er fühlt sich einsam und weiß nicht mehr weiter.

Viele Menschen, die mit den Problemen anderer konfrontiert werden, fallen an dieser Stelle in einen Schutzmechanismus. Statt sich auf die Gefühle der Person einzulassen, versuchen sie die Situation für beide Parteien möglichst „angenehm“ zu gestalten. Es hagelt Floskeln und Lebensweisheiten, die versuchen eine optimistische Sicht auf die Zukunft zu schaffen. „Du wirst schon die richtige Entscheidung treffen“, „Es wird alles gut“, „Bleib einfach positiv“ – du weißt bestimmt, wie das läuft.

Auch wenn diese Aufmunterungen gut gemeint sind, können sie dem Empfänger unbewusst ganz schön zusetzen. Wenn du also das nächste Mal von jemandem um Hilfe gebeten wirst, versuche dich auf die Situation einzulassen. Niemand verlangt, dass du die Probleme anderer zu deinen machst oder dich als Samariter entpuppst. Es reicht, wenn du deinem Gegenüber Verständnis und Empathie entgegenbringst. Vermeide Toxic Positivity, indem du folgende Sätze neutralisierst:

Toxic PositivityVerständnis und Empathie
„Bleib einfach positiv!“„Versuche, mir deine Gefühle zu beschreiben, vielleicht kann ich helfen.“
„Du hast schon so viel erreicht. Du solltest jetzt nicht aufgeben!“„Manchmal muss man einen Schritt zurück gehen, um voran zu kommen. Kann ich dich dabei irgendwie unterstützen?“
„Wenn ich das schaffe, dann schaffst du das auch!“„Jeder geht seinen eigenen Weg und das ist auch absolut in Ordnung.“
„Es könnte schlimmer sein!“„Ich helfe dir, so gut ich kann.“
„Du kommst schon darüber hinweg!“„Nimm dir alle Zeit, die du brauchst. Ich glaube an dich.“
„Sei doch nicht immer so pessimistisch!“„Es ist okay, sich Sorgen zu machen. Versuche beide Seiten der Münze zu betrachten.“

Wenn du die Person sein solltest, die toxische Positivität durch andere erfährt, dann versuche dir dieser bewusst zu werden. Nimm es dem Ratgebenden nicht übel – er meint es bestimmt gut. Setze aber klare (gedankliche) Grenzen und lass dich nicht einlullen. Zwinge aber auch niemandem deine Gefühle auf.

Balance is key oder warum du Gefühle nicht werten solltest

Natürlich heißt das alles nicht, dass du nie wieder mit rosaroter Brille durchs Leben gehen sollst. Ganz im Gegenteil: Trage sie so oft du kannst und genieße die schöne Aussicht. Nutze sie aber nicht, um damit die anderen Farben des Lebens zu überdecken. Schiebe die Brille deshalb ab und zu auf deinen Kopf und nimm alle Schattierungen wahr, die Kontraste, die schönen sowie die nicht so schönen Fragmente. Alles gehört zum Leben dazu. Jedes Gefühl, jede Emotion, jedes Lachen und jede Träne haben ihre Berechtigung. Vertraue auf deinen Körper und die Signale, die er dir sendet.

Falls es dir schwer fällt, negative Gefühle anzunehmen oder anderen damit zu helfen, sieh es mal so: Aus psychologischer Sicht haben Gefühle keine Wertung. Es gibt keine „positiven“ und „negativen“ Gefühle. Gefühle sind Gefühle – Punkt. Sie sind nichts anderes als Reaktionen auf Reize, die wir über unsere Umgebung und unseren Körper aufnehmen. Wenn du dich also das nächste mal traurig oder wütend fühlst, gib dem Gefühl kein Label. Geh neugierig darauf zu und finde heraus, was es dir sagen möchte.

❥ Janina

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